Welt

„Amerika wird sich eine blutige Nase holen”

von Lisa Brüßler am 13.11.2010 10:34

Der hessische Polizist Thomas Breuer war im Rahmen eines amerikanisch-deutschen Projektes ein Jahr im Auslandseinsatz der Bundespolizei und Bundeswehr am Stützpunkt Mazar-e-Sharif im Norden Afghanistans.

Er besuchte die Schüler unseres Politik-und-Wirtschaft-Leistungskurses der Jahrgangsstufe 13 am 10. November 2010, um ihnen im Rahmen der Unterrichtseinheit „Krieg und Frieden“ von seinen Erfahrungen zu berichten.

Der 51-jährige Einsatztrainer an der Verwaltungsfachhochschule Kassel kam vom ehemaligen Bundesgrenzschutz zur Landespolizei Hessen und kann auf die Erfahrung aus mehreren Auslandsaufenthalten, beispielsweise in Peru, Bosnien oder auch der Türkei, zurückblicken, im April 2009 trat er seinen einjährigen Afghanistan-Einsatz an.

Während des Gespräches kristallisierte sich schnell heraus, dass die Vorstellung des Bundestages zum Afghanistan-Mandat in der Realität nicht eingelöst wird. So sagte Breuer eindeutig: „In der Realität ist das Krieg für die Soldaten, kein Friedenseinsatz.“

Das Projekt, in dem Breuer arbeitet, besteht aus vier Polizisten der Bundespolizei und vier Feldjägern der Bundeswehr, die als Team einen Distrikt zugeteilt bekommen. Thomas Breuer und seinem Team war der Distrikt um Mazar-e-Sharif zugeteilt, der ca. 50.000 dort lebende Menschen umfasste. Diesen galt es mit 90 Polizisten und den 8 FDD-Leuten zielgerichtet strukturell aufzubauen: durch Einsätze, Überwachung, aber auch den Aufbau der Infrastruktur, zum Beispiel den Bau einer Schule, und natürlich die Ausbildung afghanischer Polizisten.

Breuer unterschied deutlich zwischen dem „Al Quaida”-Netzwerk und den Taliban, die größtenteils aus fundamentalistischen Islamisten bestehen. „Die Aufständigen in Afghanistan sind kaum Afghanen, eher islamische Söldner“; sie wechseln ihre Positionierung jeweils dorthin, wo sie gebraucht werden. „Es gibt Söldner, die haben Jahrzehnte lang nichts anderes gemacht.“

Zur Veranschaulichung zeigte Herr Breuer den Schülern eine Fotostrecke. Besonders auffällig war die Armut des Landes, die Korruption in allen Bereichen öffentlichen Lebens, die allerdings seit Jahrhunderten Normalität in Afghanistan sei und nur aus westlicher Sicht verurteilt werde, und die Rolle der Frau. Nach Breuers Erfahrung fängt die Wertung des Geschlechtes schon im frühestens Kindesalter an: „Bei der Hilfsgüterverteilung standen die afghanischen Jungs immer ganz vorne, die Mädchen hinten, und wenn sie etwas von den Polizisten bekamen, wurde es ihnen von den Jungs hinter der nächsten Ecke wieder abgenommen.“

Beweggründe für die 1.200 afghanischen Polizistenanwärter im Camp, diesen Beruf zu ergreifen, waren oftmals Zwangsrekrutierung oder der geringe Lohn, der 50 $ im Monat betrug und von dem es seine Familie zu ernähren galt.

Aufgrund sprachlicher Schwierigkeiten waren immer Dolmetscher nötig, die in Dari oder Paschtu übersetzen mussten. Auch besaßen die einfachen Polizisten keinerlei Lese- oder Schreibkompetenzen; allein die Unteroffiziere wurden darin sowie in Englisch gelehrt.

Breuer verglich die Gesellschaftsform in Afghanistan mit der Anpassung an den islamischen Kalender. Dieser schreibt nämlich das Jahr 1431. Die Stellung der Frau, die Gesellschaftsform, die Wichtigkeit der Religion. Bis auf den technologischen Fortschritt seien all diese Faktoren ein Hinweis, dass sich diese Zahl mit dem Stand der europäischen Geschichte zu dieser Zeit vergleichen lässt.

Er nannte auch ein konkretes Beispiel für seine These:
Wenn in Afghanistan der Verdacht der häuslichen Gewalt vorläge, sei es eine Unmöglichkeit, dass Polizisten ein Haus betreten dürfen, in dem Frauen leben. Diese sind in Afghanistan räumlich strikt von den Männern getrennt. Wenn der Dorfälteste und der Imam des Dorfes um Hilfe gebeten würden, gebe es eventuell eine Chance, Hilfe zu leisten, aber dies sei nur sehr selten möglich.

Ob der Frage nach der Sinnlosigkeit des Einsatzes antwortete Breuer sehr schnell und bestimmt: „Eine Demokratisierung, so wie es Amerika gerne sähe, wird nicht möglich sein. Die Notwendigkeit des Einsatzes ist jedoch sofort sichtbar, beispielsweise bei den Hilfsgüterverteilungen, ohne die die Bevölkerung nicht einmal warme Kleidung für die teilweise eiskalten Wintertage hätte.“

Breuers Meinung nach gibt es große Diskrepanzen zwischen den Vorstellungen der Politik und der Realität des afghanischen Alltags.
Die Nachhaltigkeit der Hilfen ist für ihn das womöglich größte Problem:
So kann man laut Breuer von einem schlecht bezahlten Polizisten, der seinen Job nicht aus Leidenschaft macht, sondern um seine Familie durchzubringen, „nicht erwarten, dass er nicht die Hand aufhält, wenn er etwas angeboten bekommt.“

Für Breuer persönlich war der Aufenthalt „ein großes Abenteuer“ und eine positive, gute Erfahrung, von der er noch lange zehren wird. Die sehr schöne Landschaft „und die teilweise traumhaften Sonnenuntergänge, die er abends aus dem Camp beobachten konnte“, waren Erfahrungen, die ihn sehr positiv überraschten.

"Amerika wird sich eine blutige Nase holen." Die Afghanen seien nach über 30 Jahren Krieg darauf eingestellt, noch über Jahrzehnte durchhalten zu können, so lautet Thomas Breuers wohl eher düstere Prognose…

Zufälliges Galerie-Bild

Strohhalm-Wassertransp. 1
Strohhalm-Wassertransp. 1
Sports Fun Fete
(0 Kommentare)

Umfrage

Am Weinberg soll der Park einem Museum zum Thema "Brüder Grimm" weichen. Eure Meinung dazu:

Was soll das denn? Ich bin total dagegen!
14


Also ich finds gut...
6


Mir egal....
3



Es wurden bereits 23 Stimmen abgegeben.

Besucherzähler
52400