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Google Street Views langer Weg nach Deutschland

von Björn Barz am 26.08.2010 23:17

Google will nichts weiter als uns das Leben einfacher machen – das hat der Internet-Konzern zumindest immer behauptet. Schon der Kartendienst Google Maps und der digitale Globus Google Earth haben uns die Navigation und Routenplanung in der Welt zwar wesentlich erleichtert, sind aber immer noch unzureichend, wenn es darum geht, sich ein Bild von der Gestalt einer Straße oder Gegend zu machen. Plant man einen Urlaub, kann man aus den Satellitenbildern von Maps und Earth noch nicht genau schließen, ob das Hotel in einer schönen Gegend liegt. Aber zum Glück ist Google seit Jahren eifrig dabei, diesen Missstand auszubessern – und stößt dabei in Deutschland auf geballte Kritik.

Der Pariser Eiffelturm aus Google Street View heraus

Google Street View heißt der Dienst, mit dem man sich an beliebigen Plätzen auf der Welt umschauen können soll, als wäre man dort. Google hat zahlreiche Autos mit 360°-Kameras ausgerüstet und durch die Straßen aller großen Länder der Welt geschickt. In Sekundenabständen nehmen die Kameras Rundum-Bilder von der Umgebung auf. Durch diese Aufnahmen kann der Benutzer dann aus Google Maps heraus navigieren, sich bewegen, sich umschauen, ganz so, als wäre er vor Ort.
An interessanten Orten, die nicht mit dem Auto zu erreichen sind, setzt Google sogar mit Kameras bestückte Fahrräder ein, etwa im Disneyland Paris, dem Heidepark Soltau oder bei Stonehenge in Schottland.

Damit keine personenbezogenen Daten in den Bildern vorhanden sind, werden Gesichter und Autokennzeichen automatisch unkenntlich gemacht, bevor die Aufnahmen online gehen.
Doch den deutschen Datenschützern reicht das nicht aus. Seit Beginn der Street-View-Fahrten in Deutschland im Jahre 2008 gehen sie gegen Google auf die Barrikaden wie in keinem anderen Land. Die Aufnahmen der Häuser verletzten die Privatsphäre, tönt es von allen Seiten, Einbrecher hätten leichtes Spiel, weil sie sich jedes Haus vom PC aus ansehen könnten, die Wohnsituation lasse Rückschlüsse auf das Vermögen der Bewohner zu, die Kameras auf den Google-Autos könnten außerdem über Hecken schauen.
Google Street View AutoIn Schleswig-Holstein wurden die Google-Fahrzeuge für einige Zeit von den Straßen verbannt, indem das Bundesland für kommerzielle Zwecke eine Sondernutzungserlaubnis für die Straßen forderte, die es Google verwehrte. Diese Verbannung ließ sich jedoch rechtlich nicht lange aufrecht erhalten, forderte Google aber dennoch das Zugeständnis ab, den Besitzern der fotografierten Häuser ein Widerspruchsrecht einzuräumen: Wer sein Haus nicht bei Street View finden möchte, sollte vor der Veröffentlichung der Bilder bei Google Widerspruch einlegen können. Das erste in einer Reihe von Zugeständnissen.

Ein weiteres Entgegenkommen seitens Google, welches Politiker und Datenschützer forderten, war, die Fahrten der Street-View-Wagen vorher anzukündigen. Eigentlich sollte man meinen, in Deutschland ohne vorherige Ankündigung fahren zu können, wohin man will, Google zeigte sich aber freundlich und richtete dennoch eine Webseite ein, auf der sie ihre Fahrten weit im Voraus bekanntgaben.

Doch Google sollten in den nächsten zwei Jahren noch viele weitere Steine in den Weg gelegt werden, die das anfängliche Ziel, Street View in Deutschland noch 2009 zu veröffentlichen, unmöglich machten. Die Stadt Ratingen in Nordrhein-Westfalen beispielsweise kam auf die Idee, wenn man Street View schon nicht verbieten könne, könne man doch wenigstens Nutzen daraus ziehen: Ratingen erhob für die Street-View-Autos pro gefahrenem Kilometer 20€ Nutzungsgebühr für die Straßen. Insgesamt durfte Google der Stadt 6180€ zahlen.
Dies war wohl aber für Google nur ein vergleichsweise kleines Hindernis im Gegensatz zu denen, die Bundesverbraucherministerin Aigner und der Hamburger Datenschutzbeauftragte Caspar noch schaffen sollten: Aigner hatte die Idee einer Gesetzesänderung, durch die Hausbesitzer der Veröffentlichung der Aufnahmen nicht mehr widersprechen mussten, sondern Google für jedes einzelne abgelichtete Gebäude die Genehmigung zum Fotografieren erst beim Besitzer hätte einholen müssen. Ein solcher bürokratischer Aufwand hätte für Street View in Deutschland das Aus bedeutet. Doch es kam nie zu diesem rechtlichen Schritt, die Diskussion um ein eigenes Street-View-Gesetz hält aber immer noch an.
Dass man darüber diskutiert, ein eigens auf Google bezogenes Gesetz zu schaffen, zeigt, wie verbohrt einige Politiker in dieser Angelegenheit sind; Gesetze sollten normalerweise allgemeingültig sein und sich nicht nur auf ein einzelnes Unternehmen beziehen. Doch ein allgemeines Gesetz scheint es hier nicht geben zu können, denn Häuser sind keine personenbezogenen, sondern Sachdaten, und das Fotografieren von Straßen ist in Deutschland nicht verboten. Lediglich Personen und Autokennzeichen müssen unkenntlich gemacht werden, aber das tut Google ja schon von vornherein.

Google aber zeigt sich geduldig und bemüht sich im Rahmen seiner Möglichkeiten, allen Forderungen der Datenschützer zu entsprechen. Einige Funktionen wie etwa die Entfernung eines Hauses auf den Aufnahmen noch vor der Veröffentlichung wurden extra für Deutschland geschaffen.
Aber kaum ist Google auf einem guten Weg, sich mit den Datenschützern zu einigen, läuft der Internetriese geradewegs in ein exorbitantes Fettnäpfchen: Es stellt sich durch Zufall heraus, dass die Street-View-Autos während ihrer Fahrten auch die Umgebung auf WLAN-Netzwerke untersuchen. Google erklärt sofort beruhigend, dass lediglich die Kennung und Position der Netzwerke erfasst würde, um Googles Geolocation-Datenbank zu erweitern und zu aktualisieren. Diese dient dazu, den Standpunkt eines Computers auch ohne GPS-Empfänger ermitteln zu können, eben anhand der WLAN-Netzwerke, die sich in seiner Umgebung befinden. Dieses Verfahren wird bereits seit langem beispielsweise bei Google Maps eingesetzt und ist in modernen Browser wie Firefox und Chrome verfügbar. Auch zahlreiche andere Unternehmen außer Google erstellen zu diesem Zweck Datenbanken über WLAN-Netzwerke.
Damit hätte sich der Vorwurf ja auch eigentlich schon darauf beschränkt, dass Google wenigstens hätte bekanntgeben können, solche Daten zu erheben; doch es kam noch schlimmer: Google stellt bei einem flüchtigen Blick in die aufgezeichneten WLAN-Daten fest, dass sie „versehentlich” auch einige in unverschlüsselten Netzwerken gesendete Daten wie beispielsweise Passwörter und E-Mails aufgezeichnet haben. Der Aufschrei ist groß. Nun melden sich auch andere Länder in aller Welt zu Wort. Google hat auf der ganzen Welt WLAN-Netzwerke abgehört und Benutzer ausspioniert!
Der Konzern behauptet mit Nachdruck, selber nichts davon gewusst zu haben und schiebt alles auf den Mitarbeiter, der die Software zur Erfassung der WLAN-Daten entwickelt habe; diesem wird als Sündenbock ein Disziplinarverfahren angedroht. Google sieht sich daraufhin gezwungen, alle erfassten WLAN-Daten zu vernichten, und tut dies auch umgehend. Damit scheint die Angelegenheit geklärt, aber der Image-Schaden, den Google sich damit eingehandelt hat, ist nicht so schnell wieder gutzumachen. Auch bleibt die Frage, wie man über Jahre hinweg mit Hunderten von Autos auf der ganzen Welt WLAN-Nutzdaten aufzeichnen kann, ohne dass das mal jemand bemerkt.

 

Googles Hartnäckigkeit gegenüber allen Widerständen jedoch zahlt sich aus: Gegen Ende des Jahres 2010 endlich soll Street View in Deutschland online gehen; vorerst nur mit den 20 größten Städten (s. u.). Bis Mitte Oktober haben Hausbesitzer in diesen Städten Zeit, um Widerspruch einzulegen; dies kann entweder per Post oder per Online-Tool geschehen. Natürlich kann auch nach der Veröffentlichung der Bilder noch ein Antrag auf Entfernung gestellt werden.
Bewohner von anderen Städten wie auch Kassel werden noch bis 2011 warten müssen, um online durch ihre Stadt wandeln zu können.

Bis jetzt ist Street View für Google vor allem in Deutschland eine kostspielige Angelegenheit. Doch auch hier will der Suchmaschinenriese wie fast immer gutes Geld mit Werbung verdienen. Google hat ein Patent für eine Software angemeldet, die automatisch Werbeflächen in Street View erkennt. Vermutlich werden also fotografierte Plakatwände von Google mit aktueller – und bezahlter – Werbung ersetzt werden, die genau auf den jeweiligen Ort abgestimmt sein kann und somit höhere Erfolgsquoten verspricht.

 

Nun kann man im wesentlichen zwei Meinungen zu Street View haben: Man kann sich freuen und Google dafür loben, dass sie sich für die Benutzer so viel Mühe machen; man kann aber auch um seine Privatsphäre fürchten und Google verdammen. Es ist natürlich immer gut, auf Datenschutz bedacht zu sein und darauf, wie viel man preisgibt; in unserem Artikel „Die Welt ist eine Google” haben wir die Datensammelwut von Google angesprochen. Der Konzern ist theoretisch in der Lage, von jedem Benutzer mit Google Account ein exaktes Persönlichkeitsprofil zu erstellen. Google weiß, wo wir wohnen, nach was wir im Internet suchen, mit wem wir oft E-Mails schreiben, kennt vielleicht sogar unseren Terminkalender und die Inhalte unserer privaten Dokumente – je nachdem, welche Google-Dienste wir nutzen. Mit dem in Arbeit befindlichen Betriebssystem Google Chrome OS wird der heimische PC für Google ein offenes Buch. Warum sollten sie also nicht auch Bilder von Häusern machen, die ohnehin jeder sehen kann, indem er dorthin fährt?
Schon damals, als Google Earth erschien, gab es Proteste und Befürchtungen, man könne auf den Satellitenbildern eventuell Menschen identifizieren. Davon hört man seit Jahren nichts mehr. Und auch die Proteste um Street View werden wahrscheinlich in ein paar Monaten von der Bildfläche verschwunden sein und was bleibt, ist ein weiterer praktischer Dienst, mit dem man sich überall auf der Welt umsehen kann, als wäre man selbst dort.

 

 

Liste der noch in diesem Jahr veröffentlichten Städte

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